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Herzgeflüster, Portraitfotografie

Wie ich gelernt habe, mit meiner Introvertiertheit in der heutigen Gesellschaft umzugehen

Ramona

"Ich hatte das Gefühl, eine Maske zu tragen, von der ich dachte, dass sie nötig wäre, um in unserer starken und lauten Gesellschaft klar zu kommen."

Wenn man heutzutage im Internet unterwegs ist, oder Zeitschriften und Fernsehbeiträge sieht, wird einem meist ein ähnliches Bild vermittelt: Die Frau von heute ist stark! Sie ist mutig, sie liebt sich selbst und trägt das nach außen. Und wer kennt sie auch nicht – die bemerkenswerten extrovertierten Frauen, die diese Werte scheinbar perfekt verkörpern und die mit ihrem selbstbewussten Auftreten ein Vorbild für uns Frauen sein sollen. Du siehst sie und denkst: WOW! Diese Frau ist so stark, sie strahlt förmlich nach außen und nichts kann sie verletzen. Doch ich habe mich oft gefragt: Muss das mein Anspruch an mich selbst sein? Ist diese Art von Auftreten das Ziel, dem ich nachjage?

Denn ich kann mich mit dieser Art Frau der heutigen Gesellschaft eben nicht identifizieren. Ich bin eher auf dem anderen Ende des Spektrums – ziemlich introvertiert. So beschreibe ich mich auch oft, wenn ich neue Menschen kennenlerne, um mich direkt vorweg schon zu entschuldigen für meine schüchterne und teils ungeschickte Art, die ich im Umgang mit unbekannten Menschen habe. So war ich schon mein ganzes Leben lang: Ich wollte nie im Mittelpunkt stehen, nie zu viel auffallen, war immer schon gerne allein und in Gruppen von mehr als ein paar Leuten fühle ich mich unwohl.

Als ich mich dann entschieden habe Medizin zu studieren, stand diese Angst im Kontakt mit anderen Menschen mir erstmal ganz schön im Weg. Eine Ärztin, die sich jedes Mal überwinden muss, um mit Patienten zu reden und dabei unsicher wirkt, ist eben keine gute Ärztin. Daher beschloss ich an mir zu arbeiten, um diese Introvertiertheit zu ändern. Ich habe letztens den Spruch gelesen:

„I’m an introvert, pretending to be an extrovert.“

Genau das habe ich dann eine Zeit lang in manchen Situationen versucht: Pretending – also so tun als ob. Als ob ich jemand anders wäre, einen anderen Charakter hätte. Du kennst das vielleicht auch: Jemand fragt dich, ob du etwas machen möchtest und du stimmst zu, weil du meinst du müsstest es. Aber genau dieses “so tun als ob” hat mich nicht glücklich gemacht, weil das einfach nicht Ich war. Ich hatte das Gefühl eine Maske zu tragen, von der ich dachte, dass sie nötig wäre, um in unserer starken und lauten Gesellschaft klar zu kommen.

Bis ich dann im fünften Semester einen Kurs zur Arzt-Patienten-Kommunikation hatte. Jeder von uns sollte mit einem Patienten, der an einer schwerwiegenden Erkrankung leidet, ein Anamnesegespräch führen – vor sechs anderen Menschen. Du kannst dir wahrscheinlich vorstellen, wie unglaublich nervös ich war. Als ich dann an der Reihe war und anfing zu reden und vor allem zuzuhören, ging die Nervosität langsam weg. Ich saß dem Patienten einfach nur aufmerksam gegenüber und war ich selbst im Gespräch. Es war unglaublich ergreifend und am Ende hat der Patient sich sogar bedankt. Als ich dann auch noch ein wahnsinnig gutes Feedback der Ärztin und meiner Kommilitoninnen bekommen habe, hat es wirklich Klick gemacht. Denn ich hatte etwas realisiert: Ich konnte das tun was ich wollte – Patienten helfen – und musste nicht einmal vorgeben mutiger, lauter, selbstsicherer oder aufgedrehter zu sein, um gut darin zu sein. Seitdem hat sich einiges an meinem Auftreten im Krankenhaus verändert. Ich merke, wie viel selbstsicherer ich bin. Das kommt meiner Meinung nach aber nicht daher, dass ich jetzt weniger schüchtern oder zurückhaltend wäre als noch vor ein paar Jahren. Ich bin viel eher mehr im Reinen mit mir und meinem Charakter. Seit ich nicht mehr permanent ängstlich umherlaufe mit Gedanken wie „Wie fange ich überhaupt an? Was soll ich sagen? Was halten die von mir?“, kann ich mutiger zu mir selbst stehen.

Zwar fühle ich mich heute nach wie vor in größeren Gruppen nicht besonders wohl, auf eine größere Party muss man mich zwingen und fremde Menschen anzurufen ist nach wie vor nicht meine Lieblingsbeschäftigung, aber das ist ok. Es ist so wahnsinnig wichtig, deshalb nochmal: ES IST OKAY! Solange man sich selbst oder den eigenen Zielen, die man im Leben hat, nicht im Weg steht, gibt es absolut keinen Grund anders sein zu wollen, als man ist. Ich glaube fest daran, dass es genau richtig und vollkommen normal ist, dass wir alle so unterschiedlich sind. Mein Mann ist zum Beispiel einer der extrovertiertesten Menschen, die du dir vorstellen kannst. Die Art Mensch, die Mittelpunkt einer Party ist weil er auf den Tischen tanzt und Karaoke singt, während ich nur staunend in der Ecke stehen kann. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass genau diese Gegensätze sich hervorragend ergänzen. Denn stell dir einmal eine Welt voller Introvertierter vor: Wahrscheinlich furchtbar still und in sich gekehrt – und im Gegensatz dazu wäre es nur mit extrovertierten Menschen dafür wahrscheinlich unglaublich laut und chaotisch. Meine Introvertiertheit sehe ich deshalb mittlerweile als Geschenk, als Gabe, die mir weiterhilft. Denn mein Charakter erlaubt mir eine gute Zuhörerin zu sein, aufmerksam zu beobachten, bedacht zu sein, viel zu analysieren… und so viel mehr!

Fragen an Ramona

Liebe Ramona,
von Herzen DANKE für diesen tollen Beitrag! Ich finde es total spannend zu lesen, mit welchen Augen du die Welt siehst und wie du wann, welche Dinge wahrnimmst. Mir, als eher extrovertierter Mensch, hat es total geholfen zu auch zu merken, wie man sich selber in Situationen verhält und was das bei einem anderen Charakter teilweise auslösen kann. Danke für deine Offenheit! Du grandiose Frau! 🙂

Ramona, wovon träumst du? Was wäre ein Wunsch von dir?
Ich träume von einer Gesellschaft, die weniger verurteilt und mehr wertschätzt. Damit sich niemand verstellen, vergleichen oder beneiden muss. Ich wünsche mir wirklich weniger negative Gefühle im Umgang miteinander. Alles andere Gute folgt dann daraus.
Was gibt dir in deinem Leben immer wieder Stärke?
Wenn ich mich schwach, klein, unbedeutend oder in irgendeiner anderen Weise unzureichend fühle, versuche ich zur Ruhe zu kommen und zu meinem Gott zu beten. Ich finde Stärke wenn ich einerseits Zeit für mich selbst in der Stille und andererseits Zeit für meinen Glauben schaffe. Das kann im Gebet zuhause, im Gespräch mit meinem Mann oder meinen Freunden, im Lobpreis in der Gemeinde, oder auch einfach mal mit einem guten Buch sein.
Wenn du an das Wort "Mut" denkst, was fällt dir dazu ein? Und wo fällt es dir schwer mutig zu sein?
Mut ist für mich, jeden Tag aufs Neue im Reden und Handeln zu dem zu stehen, was man für richtig hält. Genau an dieser Art mutig zu sein scheitere ich immer wieder. Manchmal fällt es mir im Großen schwer mutig zu sein: Wenn ich mich ängstlich frage, was die Zukunft bringen wird, obwohl ich eigentlich an einen für mich perfekten Plan glaube. Oft fällt es mir aber auch im Kleinen schwer, wenn ich mich zum Bespiel vor einem schwierigen Gespräch drücke, obwohl ich weiß, dass es wichtig wäre.
Was wünscht du den Frauen dort draußen?
Ich wünsche dir, dass du dich nicht mit den Frauen vergleichst, die du siehst. Sei es im Internet oder wo auch sonst. Denn du siehst immer nur das Bild, was sie dich sehen lassen. Und ich sage dir, gerade wenn du eher so bist wie ich: Verstelle dich nicht für eine Gesellschaft, in der sowieso oft mehr Schein als Sein ist.

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