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Herzgeflüster, Portraitfotografie

Wie drücke ich Gefühle aus, die ich längst selbst nicht mehr wahrnehme?

Joana

"Es gibt so viele Menschen, die viel fester im Leben stehen als ich, das sehe ich doch jeden Tag, überall."

Ich bin auf dem Weg zum Shooting mit Melli. Mein Gedanken kreisen darum, wie das wohl werden wird. Eigentlich habe ich keine Lust mehr darauf aber absagen kann ich es auch nicht.

Das wird was geben. Was soll ich groß dazu beitragen?! Melli erwartet bestimmt richtige Gefühle, oder den richtigen Einsatz, oder… Irgend etwas erwartet sie bestimmt aber ich bin so abgeflacht, ich kann mich gar nicht mehr nach außen zeigen. Ich weiß nicht so recht, was innerlich los ist, es ist alles so eintönig.Naja, ich habe mich darauf eingelassen. Also gehe ich jetzt auch hin und mach das.

Als ich ankomme, begrüßt Melli mich fröhlich und bietet mir mein Lieblingsgetränk an: Kaffee. Ich bin immer noch etwas angespannt aber schon wesentlich weniger als zuvor. Wir unterhalten und noch ein wenig und dann geht es auch schon los zum Fotostudio. Ein großes schwarzes Tuch, ein Schirm und in der Mitte ein Stuhl. Da soll ich drauf. In den Mittelpunkt. Jetzt würde sich alles um mich drehen.Aber warum? So viel hab ich doch gar nicht zu sagen oder auszudrücken. Und wie eigentlich, um alles in der Welt. Wie drücke ich mit meinem Gesicht Gefühle aus, die ich selbst nicht mehr wahrnehme? Nicht mehr ernst nehme? Es ist doch eh alles dasselbe. Wir sind doch alle gleich. Das Leben dreht sich bei uns doch um das selbe. Wie soll eine einzelne Person dann so interessant sein, dass man gleich eine „Fotostory“ daraus machen würde.

Naja, Melli wird schon wissen, was sie da tut oder vorhat.

Gut, also, dann, äh ja, fangen wir mal mit Lächeln an, wie man es halt kennt beim Bilder Machen. Geht ganz gut, Standart halt. Aber Melli fragt, ob ich mich gerade wirklich so fühle. „Ja, schon…“, denke ich. Hoffe ich. Zumindest wüsste ich nicht, was ich außer lächeln sonst machen sollte. Es gibt gewiss die ein oder andere Sache, die mich bedrückt. Aber so ist es halt, oder? Es bringt ja auch nichts, darüber nachzudenken oder es begreifen zu wollen. Am Ende wird es doch wie immer. Alles wiederholt sich und so geht es weiter und weiter. Ich bin noch jung, aber das habe ich schon rausgefunden.

Es gibt so viele Menschen, die viel fester im Leben stehen als ich, das sehe ich doch jeden Tag, überall. Die sind doch viel besser für sowas hier. Die können schöner lachen, haben schönere Haut. Die machen sogar Sport jeden Tag, sind schön schlank und so. Warum sitze also ich hier. Ich finde mich ja selbst am langweiligsten. Aber gut, wie gesagt, Melli weiß schon was sie tut.

Weiter geht’s. Ein trauriges Lied, ob ich das habe, fragt Melli. Das ich mir anhöre, manchmal vielleicht heimlich, um nachzudenken oder so. Klar hab ich das, also nichts wie los. Rein damit. Aber ob das jetzt was bringt? So, hier, auf dem Stuhl?!

Da geht es los, das schöne Pianostück von „Ziemlich beste Freunde“.

Wow! Was hatte ich heute wieder für einen unnötigen Stress. Die 10.000 Menschen, die ich jeden Tag sehe. Die Erledigungen, denen ich hinterher renne. Diese Menschen. Ich frage mich immer, wie sie am selben Ort wie ich leben können und dabei soviel glücklicher scheinen als ich. Sehen sie das Leid um sie herum nicht? Oder können Sie einfach besser damit umgehen?Man sagt ja, das wäre nur der Schein, innerlich gehe es ihnen ähnlich. Aber langsam glaube ich das nicht mehr. Sicher nicht mehr. Ich sehe ja, wie ich immer wieder versage. Sie müssen besser sein, ich bin das Problem, eindeutig.

Ups, da war er, ein Heulanfall. Wer hätte das gedacht? Hier, mitten auf dem Stuhl. Melli wird ruhiger, gibt mir Zeit. Ich denke, sie versteht mich. Vielleicht werden es ja doch echte Bilder. Es tut gut. Ich bin froh, wenn ich meine Gefühle spüre. Das passiert nicht sehr oft.

Melli führt mich in meine Kindheit zurück. Tatsächlich wunderschöne Erinnerungen. Woher sie das wohl wusste? Damals war ich stark, bin auf Bäume geklettert und so. Wie schön, dass ich diese Freude mit Melli und den Bildern teilen darf. Mit meinem zukünftigen „Ich“ sozusagen. Wie schön, dass ich mitten im Alltag an diese Erinnerungen erinnert werden darf.

Ich bin wohl doch nicht so abgeflacht. Vielmehr sehr lebendig.

Fragen an Joana

Liebe Joana,
ich bin beeindruckt von dir, deiner Schönheit und vor allen Dingen bin ich beeindruckt davon, wie mutig du bist! Danke, dass du dich beim Shooting so sehr geöffnet hast. Danke, dass du uns allen hier einen tiefen Einblick in deine Seele gegeben hast. Du bist goldwert für diese Welt!

Joana, wovon träumst du? Was wäre ein Wunsch von dir?
Ich träume davon, wieder stark zu sein, stark genug um auf Bäume zu klettern. Es war so schön ruhig da oben. Ich konnte dem schönen Blau des Himmels viel näher sein und tief durchatmen. Ganz für mich sein und Zeit mit Gott verbringen. Völlig unbeeinträchtigt vom Getöse da unten. Ja, mein Wunsch wäre es, neue Bäume zu finden. Bäume für Erwachsene.
Was gibt dir in deinem Leben immer wieder Stärke?
Stark bin ich dann, wenn ich es zulasse, schwach zu sein. Wenn ich meine Schwächen erkenne, mache ich Räum für Stärke. Gott hilft mir dabei sehr. Er ist immer stark. Und er hat mir die stärkste Familie geschenkt. Wir lieben uns alle sehr und teilen Schwächen und Stärken untereinander. Meine Eltern sind da wohl große Vorbilder für mich.
Wenn du an das Wort "Mut" denkst, was fällt dir dazu ein? Und wo fällt es dir schwer mutig zu sein?
Ich denke, Mut braucht man in allen Lebenssituationen. Mut, um nicht aufzugeben, aber auch Mut um noch weiter zu gehen. Mut, ehrlich zu sein und Mut zum Teilen. Zur Zeit brauche ich persönlich am meisten Mut, um für mein Examen zu lernen. Ich hab nämlich sogar vor dem Lernen Angst, da erkennt man nämlich seine Schwächen.
Was wünscht du den Frauen dort draußen?
Ich möchte mit den Frauen teilen, dass sie sich hierauf einlassen sollten, auch wenn sie absolut keine Erwartungen haben. Hatte ich nämlich auch nicht, doch es hat so viel in mir gelöst. Ich denke, dass mir vor allem die Bilder später noch viel helfen können. Stell dir mal vor, ich schaue die in ungefähr 30 Jahren  an und erinnere mich an alles. Wow!

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